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Projekt Seepferdchen 

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Seepferdchen

Ein Erlebnisbericht

Seepferdchen

Vorgeschichte

Mein erstes lebendes Seepferdchen traf ich im Mittelmeer in der Blauen Grotte vor Taormina. Im Sommer 1980 arbeitete ich dort als Tauchführer. Trotz der vielen, vielen Stunden unter Wasser damals, blieb es die einzige Begegnung mit diesem grazilen, anmutigen  Geschöpfchen. Bis dato kannte ich Seepferdchen nur als getrocknete Hülle in irgendwelchen fragwürdigen Souvenierläden, oder ebenfalls getrocknet, auch zerstampft bzw. zerrieben, manchmal eingelegt in Alkohol als „Schnaps“ und angepriesen als Aphrodisiaka auf ebenso fragwürdigen asiatischen Märkten. Den Seepferdchen ergeht es leider wie vielen anderen Tierarten, die entweder besonders schön oder besonders selten sind – sie werden wegen menschlicher  Dummheit und einem blödsinnigen Aberglauben an den Rand der Ausrottung getrieben! Mein Wunsch, wenigstens eines von ihnen solange es noch welche gibt, vernünftig zu fotografieren blieb zwei Jahrzehnte lang unerfüllt....

Zufällig erfuhren meine Frau Gisela und ich von Tauchfreunden im Frühjahr 2001, dass sie im ägyptischen Dahab im Golf von Aqaba regelmäßig Seepferdchen in den Seegraswiesen, keine 100 Meter vom Sandstrand entfernt, sichten! Der Golf von Aqaba ist ein Teil des Roten Meeres, genauer gesagt, der rechte Finger der nördlichen Rotmeergabel und berührt mit seinen Küsten den Sinai, Israel, Jordanien und Saudi Arabien. Da sich das Wasser im Roten Meer nicht so stark wie im Indischen Ozean aufheizt, blieb bis heute die gefürchtete Korallenbleiche nahezu aus – Gott sei dank! Oder – Allah sei dank? Kurzum, am 22. November 2001 saßen wir mit Anja, Sandra, Dieter und Karlheinz (Mucki) im Flieger und erreichten von Nürnberg über München nach gut viereinhalb Stunden Sharm el Sheik im Sinai und nach einer weiteren Busstunde Dahab, unser Domiziel für die nächsten 14 Tage. Hauptsächlich die Mädels Anja und Sandra hatten mir während der Sommermonate immer wieder glaubhaft versichert, ich würde in Dahab Seepferdchen zumindest sehen! Da blieb Gisela und mir nichts mehr anderes übrig, als mitzufahren.

 Tagebucheintrag: Tag 1, Donnerstag, 22, November,0 4.39 Uhr.

Haben bei Hapag Lloyd problemlos eingecheckt. Lediglich nach dem Gewicht des Handgepäcks wurde gefragt. Sechs Kilo sind erlaubt, der Fotokoffer hat acht Kilo – habe ich aber nicht gesagt. Langeweile! Wir hätten ruhig etwas länger schlafen können. Aber, es hieß, wir müssen zwei Stunden vor dem Abflug am Schalter sein – ein totaler Schmarrn 90 Minuten hätten vollauf genügt. Der Flug hat die Nr. HF4007 nach München. Wir starten um 06.05 Uhr. In  München müssen wir in eine andere Maschine! Angeblich bleiben wir dort in der Sicherheitszone – also kein neuer Sicherheitscheck.

Dahab, 20.10 Uhr. Das Hotel macht einen überaus positiven Eindruck, was die Anlage mit dem Zimmer als auch die Verpflegung betrifft. Um Dahab herrscht die Wüste, mit Sand und steinigen Bergen, die in der Abendsonne fast wie rötliches Gold leuchten. Immer wieder sahen wir vom Reisebus aus Beduinenlager und deren Tiere, mehr oder weniger hell und dunkel gefärbte Dromedare. Zum Tauchen habe ich mich noch gleich nach der Ankunft angemeldet. Morgen um 08.30Uhr geht’s dann ans „Hausriff“ zum Checkdive. Werde jetzt noch die Kamera zusammenbauen und dann wird geschlafen.

 

Tagebucheintrag: Tag 2, Freitag,  23. November, 2001, 16.25 Uhr

Es geht schon los, dass die Zeit rennt! Kamera zusammenbauen, Film wechseln, Tauchzeug spülen und aufräumen, der übliche Ablauf halt. Sitze mit Gisi auf dem Balkon, die Wollmütze auf, wir trinken Tee. Das „Hausriff“ vor dem Hotel Swiss In Golden Beach Resort in Dahab bietet reichlich Gelegenheit, die verschiedensten Motive abzulichten. Nur die Rotfeuerfische, es gibt reichlich davon, machen „Zicken“, was heißt, 1:2 komme ich bei denen nicht ran. Werde es einmal mit dem „35er“ alleine versuchen! Sandra zeigte mir heute beim 2. Dive Seepferdchen im Seegras. 

 

 

Tauchlogbucheintrag vom 23. November 2001,

 Rotes Meer, Gulf of Aqaba, Ägypten, Dahab

Hausriff, 14,05 Uhr, Luft 26° Celsius, Wasser 22° Celsius,

Unterwassersicht ca. 15 Meter, Tiefe 10.2 Meter

Tauchzeit 75 Minuten, Flasche 12 Liter,

Luftverbrauch 145 bar.

Der erste Film ist voll. Graue Muränen, Korallen, Anemonenfische, Pilzkoralle, Buckelskorpionsfisch, pulsierende Tentakel, Gelbe Kraterkorallen , Krusten- und Röhrenschwamm. Zwei große grüne Seepferdchen!!! Alles im Maßstab 1:2. Anja – Sandra – Dieter – Mucki ,Seenadeln, graue!

 

Tatsächlich, über 20 Jahre mussten vergehen, ehe ich wieder lebende Seepferdchen bewundern durfte. Die Mädels hatten also nicht übertrieben. Selbst gefunden hätte ich sie wahrscheinlich nicht mehr – die Altersfehlsichtigkeit macht mir unter Wasser gerade im Nahbereich schwer zu schaffen. Und das obwohl ich Korrekturlinsen in der Tauchmaske trage. Es ist schon toll, wenn man ein alter Depp wird! Welche Geburtstagskarte bekam ich da zum 54.? Da stand doch drauf: In Deinem Alter wirst Du immer knackiger! Mal knackt es da, mal knackt es dort! Sauber! Übrigens, die ausgezeichnet im Seegras versteckt lebenden Seepferdchen habe ich tatsächlich während des gesamten Urlaubs in Dahab nie selbst gefunden. Dass dennoch  eine der arte Fülle an Unterwasseraufnahmen entstand, verdanke ich Anja und Sandra, die wirklich beim Auffinden für den Nahbereich geeigneter Motive eine hervorragende Arbeit geleistet haben!

Trotz ihres manchmal recht abstrakten Aussehens sind die Seepferdchen Fische. Biologisch gesehen gehören sie in die Familie Syngnathiformes, zu denen auch die Seenadeln und Fetzenfische zählen. Die Familie der Syngnathiformes beinhaltet einige der interessantesten Fische überhaupt, sowohl was ihr Verhalten als auch ihr Aussehen betrifft. Weltweit findet man aus über 50 Gattungen rund 260 Arten, die in kalten und warmen Gewässern verbreitet sind. Sie können sich farblich ihrem Lebensraum anpassen und sind dadurch  Meister der Tarnung. Herausragend ist die einzigartige Fortpflanzungsweise der Seepferdchen: das Weibchen übergibt die Eier dem Männchen, das diese in eine Bruttasche aus Bauchhautlappen aufnimmt. Hier werden die Eier, wahrscheinlich durch winzige Kanäle im angeschwollenen Gewebe befruchtet. So wird das Männchen schwanger und trägt die Eier bis zur Geburt der Jungen mehrere Wochen lang mit sich. Die Jungen werden durch Entlassen aus der Bruttasche geboren. Bei den Seepferdchen geht diesem Prozess eine Reihe von krampfartigen Spasmen voraus, welche die Bauchregion zusammenziehen und damit an die Wehen von Säugern erinnern.    Seepferdchen leben also die wahre Gleichberechtigung! Ein Seepferdchen kann mehrmals im Jahr Hunderte von Jungen gebären! Wie ich während eines unserer vielen ausführlichen Gespräche mit den Tauchlehrern bei einem Sakara Gold – Lager Beer erfahren habe, handelt es sich hier vor Dahab um das Dornige Seepferdchen mit dem wissenschaftlichen Namen Hippocampus histrix.

 

Tauchlogbucheintrag vom 24. November 2001,

Rotes Meer, Gulf of Aqaba, Ägypten, Dahab

Hausriff, 10.30 Uhr, Luft26° Celsius, Wasser 22° Celsius,

Unterwassersicht ca. 15 Meter, Tiefe 10,8 Meter

Tauchzeit 86 Minuten, Flasche 12 Liter,

Luftverbrauch 140 bar.

Der 2. Film ist voll – 1:2! Seepferdchen, Oktopus!, Graue Muränen mit Kofferfisch, Quallen, Anemonenfisch, Blenny, Korallen, beim Flügelrossfisch war der Film leider schon voll. Anja, Sandra, Dieter, Mucki.

 

Tagebucheintrag: Tag 3, Samstag 24 November 2001, 16.58 Uhr

Ein fotografischer Spitzentag geht zu Ende. Zweifellos ist das Licht am Morgen im Hausriff am besten! Und, alles lief wie am Schnürchen. Die 1:2er Linse war von gestern noch drauf. Kaum im Wasser zeigte mir Anja ein großes Seepferdchen. 13 Aufnahmen musste das grazile Geschöpfchen „aushalten“! Dann zeigte mir Sandra zwei herrliche Kraken. Auch hier Portraits im Maßstab 1:2. Ebenso von Quallen, Muränen und einem Kofferfisch. Wir, Gisi – Anja – Sandra – Dieter und Mucki harmonieren richtig gut. Hoffentlich bleibt das auch so.

 

Tauchlogbucheintrag vom 27. November 2001,

Rotes Meer, Gulf of Aqaba, Ägypten, Dahab

Hausriff, 09.26 Uhr, Luft 24° Celsius, Wasser 22° Celsius,

Unterwassersicht ca. 15 Meter, Tiefe 10,7 Meter,

Tauchzeit 85 Minuten, Flasche 12 Liter

Luftverbrauch 145 bar

Fototauchgang 1:1 mit Sandra, Anja + Dieter. Das Team arbeitet ganz, ganz hervorragend mit. Seepferdchen – Muränen – Anemonenfisch – Weihnachtswurmportraits. Hoffentlich sind die Motive so im Kasten, wie ich sie sah!

 

Tagebucheintrag: Tag 6, Dienstag, 27 November 2001, 16.38 Uhr

Bin heute mit dem Tagebuch schreiben etwas früher dran. Der Grund: Keine Tauchausfahrt, da ich am Hausriff im Maßstab 1:1 fotografierte. Beim ersten Dive stiegen Sandra, Anja, Dieter und ich ins Wasser. Gleich am Anfang ein Seepferdchen, welches sich bereitwillig portraitieren ließ. Gesichtet wurde es von Anja! Sein Köpfchen war für den 1:1er Rahmen fast zu groß, so, dass ich das Bild schräg ansetzen musste. Es folgten Weihnachtswürmer, Muränen, ein Buckelskorpionfisch. Dieser wollte mich sogar angreifen. Klar, wenn ich ihm derart auf die Pelle rücke. 16.45 Uhr. Der Muezzin ruft! Eine tolle Stimmung! Es folgten noch Aufnahmen vom Krustenschwamm mit Schnecke, Anemonenfische, Pilz- und Weichkoralle. Am Nachmittag tauchten lediglich Sandra und ich am „Hausriff“. Schon nach kurzer Zeit begannen wir zu frösteln. Ja, ja, Wasser zehrt! Konnte eine Rußkopfmuräne ablichten. Dazu Graue Muränen, Quallen, Korallen, junge Riesenmuscheln und orangefarbene Weihnachtswürmer. Allah, lass die Bilder bitte so werden, wie ich sie im Blitzlicht gesehen habe! Bitte, bitte, bitte! Zum Wetter: Auf dem Balkon ist es noch angenehm warm. Scheint die Sonne, so zwischen 10.00 Uhr und 14.30 Uhr, ist es richtig heiß! Aber nur im Windschatten. Die letzten zwei Tage blies kaum der Wind, herrliche Wärme! Seit gestern Nachmittag frischte er wieder auf, was nach dem tauchen Wollmütze und Winterjacke bedeutet. Hitze und Kälte gehören in der Wüste nun einmal zusammen. Bin mir noch nicht im klaren, ob ich noch weiter „Makro“ oder schon auf die Normaloptik umsteigen soll. Im Jeep wäre der Foto halt ohne montierten Zwischenring nicht so empfindlich!

 

Fazit:

 Die zusätzliche Mühsal des Kamerakofferschleppens von immerhin acht Kilogramm hat sich absolut gelohnt wie sich zuhause herausstellte. Beim Vergleichen der verschiedenen Bilder im Format 1:2 und 1:1 fiel auf, dass nicht alle Dornigen Seepferdchen eine markante rote Augenbinde tragen. Gehört das etwa auch zum Geschlechterunterschied? In der Fachliteratur wurde ich diesbezüglich noch nicht fündig. Natürlich habe ich in Dahab nicht nur Seepferdchen fotografiert. Während der lediglich 10 Fototauchgänge von insgesamt 25 Tauchgängen an 12 Tauchtagen verewigten sich neben Rotfeuerfischen, Anemonenfischen und Weichkorallen auch Röhrenwürmer, Muränen, Tintenfische oder Seeigel auf Zelluloid. Bewusst habe ich sämtliche Aufnahmen ausschließlich bei den Korallenblöcken im Hausriff gemacht, wollte beweisen, was sogenannte „Allerweltstauchplätze“ für biologische Kleinodien hergeben. Auf 10 Filmen waren 350 Aufnahmen belichtet. Davon 144 im Maßstab 1:1, 72 im Maßstab 1:2 und 144 mit dem 35er Normalobjektiv. Da Unterwasserfotografie in der Regel mindestens 80% Ausschuss bedeutet, blieben lediglich 70 Aufnahmen zum Herzeigen und davon wiederum nur rund 20 druckreife Dias übrig. C`est la vie! An den „fotofreien“ Tagen betauchte ich dann so weltberühmte  Spots wie etwa den „Canyon“, oder das „Blue Hole“ in Tiefen zwischen 30,4 und 30,6 Metern, was heißt, das von der Tauchbasis vorgeschriebene Tiefenlimit von 30,0 Metern wurde also wirklich nur unwesentlich überschritten! Fakt bleibt , dass in der kurzen Zeit in Dahab trotz fotografischer Abstriche ein enormes Spektrum an verschiedenen Unterwasseraufnahmen entstand. Deshalb möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei Sandra und Karlheinz Joseph sowie Anja Baier und Dieter Jarmalavicius für die wirklich außergewöhnliche Hilfe bedanken. Ohne sie wäre die Fotoausbeute sicherlich wesentlich geringer ausgefallen!

Gunnar Förg