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Projekt Gewässergüte 

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Die makroskopisch-biologische Gewässergütebeurteilung - eine Feldmethode.

Im Gegensatz zur  „Momentaufnahme“ der chemischen Gewässergütebestimmung ist die Makroskopischbiologische eine „Langzeitstudie“. So macht es z.B. wenig Sinn, Gewässer mehrmals im Jahr chemisch zu prüfen, wenn alles in Ordnung ist. Vielmehr  genügt es, eine umfangreiche Erstmessung durchzuführen. Hier sollten dann aber auch wirklich alle relevanten Parameter abgecheckt werden. Etwa der Sauerstoffgehalt, die Nitrit- und Nitratbelastung, das Säurebindungsvermögen (SBV), der pH-Wert, die Temperatur, Ammonium und Ammoniak und evtl. noch der hoffentlich nicht vorhandene Schwefelwasserstoff. Alle Messwerte werden nun in eine Liste eingetragen und diese archiviert. Treten am betreuten Gewässer keine Veränderungen wie Verfärbungen, Fischsterben,  übler Geruch  usw. auf, hat man meist über Jahre seine Ruhe. Anders verhält es sich dagegen bei der makroskopisch  biologischen Gewässergütebeurteilung, besser gesagt Gewässergüteüberwachung. Sie ist sehr aufwendig, dafür aber auch wesentlich aussagefähiger, da hier mit „Lebewesen“ gearbeitet wird. Sind z.B. über Jahre angetroffene Bioindikatoren im betreuten Gewässer plötzlich auf Dauer verschwunden, ist dies in der Regel ein untrügliches Indiz für eine Gewässergüteveränderung, je nachdem, um welchen Bioindikator es sich handelt, zur Guten oder zur Schlechten hin. Beginnen wir aber zum besseren Verständnis nun ganz von vorne: Unsere Still- und Fließgewässer werden in vier Güteklassen unterteilt. Bei Güteklasse 1 wäre das Gewässer unbelastet bis sehr gering belastet, bei Güteklasse 1-2 gering belastet, bei Güteklasse 2  mäßig belastet, bei Güteklasse 2-3 kritisch belastet, bei Güteklasse 3 stark verschmutzt, bei Güteklasse 3-4 sehr stark verschmutzt und bei Güteklasse 4 übermäßig stark verschmutzt.

Saubere Gewässer verschmutzen nun ja nicht von selbst, der Mensch ist wie üblich daran schuld. Einleitungen aus der Industrie, der Landwirtschaft, häusliche Abwässer, immer mehr Fäkalien einer unheildrohend wachsenden Bevölkerung oder die Wohlstandsmüllverklappung  machen unseren Gewässern arg zu schaffen. So gibt es halt leider Gottes auf der ganzen Welt nicht nur saubere, sondern in der Mehrzahl mehr oder weniger verschmutze Gewässer. Doch zurück zur Gewässergüte. Hier ist die Unterteilung nicht grob 1,2,3,4, sondern fein gegliedert in Zehntelschritten. Somit kann man den Zustand eines Wassers penibel, wie 1,3 oder 2,1 usw. einordnen. Gewässer sind ja nun Ökosysteme. D.h., in ihnen leben Fische, Insektenlarven, Pflanzen usw., usw. Einige unter diesen Lebewesen können nur in sauberen, sprich unbelasteten Wasser existieren, andere dagegen vertragen schon einen kräftigen  Schluck und kommen mit schmutzigerem Wasser noch gut zurecht.

Das haben sich die Wissenschaftler zu Nutze gemacht und ihrerseits diese bestimmten Lebewesen, man spricht dabei von Bioindikatoren, (Bio= Leben - Indikator=Anzeiger, also Lebensanzeiger) aufgrund von langen Beobachtung den jeweiligen Gewässergüten zugeordnet. Da lebt z.B. die Steinfliegenlarve Perla marginata in der Gewässergüte 1,2 , was heißt in einem sauerstoffreichen, klaren und schnellfließendem Gewässer und der Rote Schlammröhrenwurm Tubifex in einem fauligen, stinkenden Abwasserteich der Gewässergüteklasse 3,8! Noch stinkiger liebt es die Rattenschwanzlarve Eristalis in Jauche- oder Kloakengruben der Güteklasse 4. Die Wasserpflanzen außer acht gelassen, werden heute rund 82 Indikatororganismen zur Gewässergütebeurteilung herangezogen. Darunter Asseln - Egel - Fische - Flohkrebse - Krebse- Käfer - Köcherfliegenlarven - Larven von Zweiflüglern - Libellenlarven - Muscheln - Schwämme - Schnecken - Strudelwürmer - Steinfliegenlarven - Wenigborster.

Keine Sorge, man muss Sie nicht alle auswendig im Kopf haben. Vielmehr ist es so, daß sich im jeweiligen  Gewässer immer  wieder die selben Bioindikatoren zur Gewässergüte finden und damit der Überblick  gewahrt bleibt. Beispiel: Ein Gewässerschutzbeauftragter des Fischereivereines betreut ein Mischwasser der Güteklasse 2,0 bis 2,5. Ergo wird er  hauptsächlich  auf die Köcherfliegenlarve Hydropsyche, den Strudelwurm Milchplanarie, den Platt- und Rollegel, die Posthorn- und Langfühlerige Schnauzenschnecke, die Kugel- und Wandermuschel, den Flussflohkrebs, den Krustenschwamm, den Wenigborster Teichschlange, die Larven der Gebänderten Prachtlibelle und Frühen Adonislibelle, die Fluß- und Teichnapfschnecke, die Larven der Runden Eintagsfliegen Habroleptiodes - Baätis - Ephemera und Potamanthus sowie bei den Fischen auf die Bartgrundel, den Flussbarsch und das Rotauge treffen. Natürlich bedingt eine Gewässeruntersuchung draußen (Feldmethode) gegenüber der Natur viel Feingefühl. Es wäre fatal, hinterließe man dabei einen zertrampelten  Gewässergrund und zerrissene Uferpflanzen! Auch wenn es sich hier um eine den Ort betreffende, wiederkehrende Methode mit umfangreichen, schriftlichen und wenn möglich fotografischen Notizen handelt, sollten die ausgewählten Strecken zur Schonung höchstens ein- bis zweimal im Jahr begangen werden.

Außer Watstiefel, besser noch einer Wathose benötigt man dazu  eine gute Lupe , ein Mikroskopierbesteck, evtl. vorgefertigte Listen, Schreibzeug, Bestimmungsliteratur, Taschenrechner und wenn vorhanden, eine Fotoausrüstung  mit der Möglichkeit zu Nahaufnahmen. Fischnährtiere bzw. Bioindikatoren finden sich unter Steinen, im Sand oder  Schlamm, zwischen Wurzeln und an Holzstücken sowie zwischen den Unterwasser- wie auch Uferpflanzen.

Beim Einsammeln geht man zweckmäßigerweise so vor: Zuerst wird der Uferbereich visuell nach fliegenden Tieren abgesucht. Etwa nach der Gebänderten Prachtlibelle Calopterix  splendens, ihr wird der Saprobienindex 2,0 zugeordnet. Oder nach der Maifliege Ephemera, ihr Saprobienindex beträgt  1,7 und ihre Flugzeit, vornehmlich am Abend, fällt in die Monate Mai bis August. So hat man bereits einen Anhaltspunkt auf eventuell anzutreffende Larven im Wasser. Dort werden mehrere Steine verschiedener Größe vorsichtig  vom Gewässergrund abgehoben und die gefundenen Spezies mittels eines feinen Pinsels oder einer Federstahlpinzette abgelesen. Mit einem engmaschigen  Metallseiher lassen sich mehrere Sedimentproben unschwer durchsieben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele unterschiedliche Organismen im Gewässergrund leben. Ebenfalls mit dem Seiher können nun noch Wasserpflanzen oder vom Ufer ins Wasser hängende Gewächse ausgesiebt werden.

Das „Sammelgut“ wird nun in einen mit etwas klaren Wasser gefüllten weißen Eimer oder eine weiße Fotoschale gegeben. Dann kann das Auszählen der einzelnen Individuen  beginnen. Eine sorgfältige und gewissenhafte Zuordnung ist hier unabdingbar. Bleibt noch das Eintragen in die Untersuchungsliste und das Berechnen der Gewässergüte nach dem Saprobienindex, was in der Praxis so aussehen kann:

Regnitz                       Panzerbrücke/Fischerberg             13. Juni 2002, 16.39 Uhr

 

Bio-Indikatoren                                                     Anzahl       Indikatorwert     Produkt

Flache Eintagsfliegenlarven (3 Schwanzanh.)              4                  1,5                      6

 

Köcherfliegenlarven ohne Köcher,

mit 1 Rückenschild                                                        7                  1,5                   10,5

 

Köcherfliegenlarven mit Köcher                                 11                  1,5                   16,5

 

Flußnapfschnecken                                                        5                  2,0                   10,0

 

Bachflohkrebse                                                            25                  2,0                   50,0

 

Köcherfliegenlarven ohne Köcher,

mit 3 Rückenschildern                                                   9                  2,0                  18,0

 

Runde Eintagsfliegenlarven

(seitl. abstehende Kiemenbüschel)                                9                  2,5                  22,5

 

Langfühlerige Schnauzenschnecken                            21                  2,5                  52,5

 

Flußflohkrebse                                                             45                  2,5                112,5

 

            

                                                        Summe:              136               Summe:          298,5                                                                                                                           

                                                                         

 Produkt         :        Anzahl     =    Ergebnis        +/- Korrektur           =       Gewässergüte

 

 298,5              :        136           =    2,2                       - 0,0                     =        2,2

 

 

Korrekturwert:      „Ergebnis“ verbessern:                    bei 13 bis 15 Arten         um 0,2 Punkte                                                                                                                                              bei 16 und mehr Arten    um 0,3 Punkte

 

                                           verschlechtern:                    bei   5 bis   3 Arten         um 0,2 Punkte

                                                                                       bei   2 bis   1 Arten         um 0,3  Punkte

 

bei 6-12 Arten: „Ergebnis“ = „Gewässergüte“

 

Bei unserem Beispiel wurden 9 verschiedene Indikatorarten gefunden, somit bleibt das Ergebnis:

Gewässergüteklasse 2,2.

 

 

 

Was ist nun eigentlich der Saprobienindex? Das Wort Saprobie bedeutet faul, bzw., ein von faulenden Stoffen lebender tierischer oder pflanzlicher Organismus. Jetzt wird klar, warum die Steinfliegenlarven in einem sehr guten bis gutem Wasser anzutreffen sind, weil hier nichts „faul“ ist. Und es wird klar, warum die Rattenschwanzlarve nur dort anzutreffen ist, wo’s gewaltig fault und stinkt. Zusätzlich zu meinen konservativen Untersuchungsmethoden greife ich in letzter Zeit immer häufiger zur Unterwasserkamera, um unter der Biomasse eines Gewässers die jeweiligen Bioindikatoren „auszufiltern“.

„Makro“, heißt da die Devise! Es hat sich nämlich in der Praxis herausgestellt, dass die Kameralinse im absoluten Nahbereich dem menschlichen Auge haushoch überlegen ist. Da wird es zur Regel, dass neben dem Hauptmotiv einer Aufnahme noch weitere Tiere sichtbar werden, welche man sonst schlichtweg übersieht. Außerdem lässt sich der fotografierte Bioindikator über ein Dia groß auf die Leinwand projiziert wesentlich „naturfreundlicher“ studieren, weil ja das Original, also das lebende Tier im Wasser verbleiben konnte. Besser noch ist es, von einem interessanten Foto einen DIN A 4 Abzug zu machen. Hiermit hat man ein Arbeitsmittel, das in bezug auf Genauigkeit bei der Artenbestimmung kaum mehr zu überbieten ist.

Weiter lassen sich auf so einem Papierabzug mit einem Permanentschreiber Segmente anzeichnen oder Notizen schreiben. Ganz toll ist es natürlich, wenn man die Möglichkeit hat, seine Dias, bzw. Negative elektronisch zu speichern und zu bearbeiten. Etwa auf eine CD-Rom oder eine Zip-Kassette. Einmal sind solche Datenträger pflegeleicht, zum anderen lassen sich von ihnen immer wieder hervorragende Farbausdrucke ziehen. Was man dabei für Überraschungen erleben kann, verdeutlicht folgendes Beispiel: Neben Flohkrebsen, Runden Eintagsfliegenlarven und Milchplanarien befanden sich auch Steinklammerer auf meinen Unterwasseraufnahmen. Steinklammerer sind die Flachtypen der Eintagsfliegenlarven aus der Familie Heptageniidae, und mit ihrem zusammengedrückten, flachen Körper sind sie hervorragend an schnelles Wasser angepaßt. Alle vier Gattungen, Epeorus mit zwei Schwanzfäden, Ecdyonurus-Heptagenia und Rhithrogena mit jeweils drei Schwanzfäden atmen mit sieben Paar Tracheenkiemen.

Auf meinen Aufnahmen war Heptagenia zu sehen. Nur welche? Es gibt derer nämlich zwei! Heptagenia sulphurea und Heptagenia flava. Beide haben eine bräunliche Körperfärbung und die Beine sind bei beiden mit zackigen Bändern gezeichnet. Leider waren meine Fotoaufnahmen nicht so sehr klar für eine sichere Bestimmung. Nach der Computerbearbeitung, Farbe und Kontrast als auch die Schärfe wurden dabei deutlich verbessert, war das markanteste Merkmal von Heptagenia flava, eine dunkle, hell gesäumte Längslinie oben auf dem Hinterleib zu sehen. Früher war Heptagenia flava allgemein in den Flüssen des Flachlandes verbreitet. Heute ist sie durch eine immer noch zunehmende Verschmutzung der Fließgewässer sehr selten geworden und vom Aussterben bedroht. Deshalb freut es mich persönlich ganz besonders, daß ich ihr einmal begegnen durfte.

Gunnar Förg