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Die Monsteraale vom Happurger Baggersee

Vor gut 30 Jahren, so alt müsste der Happurger Baggersee im Kreis Nürnberger Land heute sein, war das Gewässer unter Anglern und Naturfreunden ein Geheimtipp. Damals erreichte der See noch weit über elf Meter Tiefe. Als Kleinod, eingebettet in eine ungestörte Natur, spiegelten sich lediglich die Höhenzüge der Hersbrucker Alb in ihm. Unter Wasser dehnten sich freundlich helle Kiesbänke über den blitzsauberen Gewässergrund aus. Der Baggersee entstand nämlich durch Kiestageabbau. Sein quellklares, fast dunkelgrünes Wasser erinnerte eher an einen nordischen Fjord als an einen mittelfränkisches See. Das Krause Laichkraut verbreitete sich gerade sporadisch mit inselartigen Beständen. Heimelige Unterstände für Karpfen, Schleie oder Hecht. Bei den Kiesbänken fanden sich regelmäßig herrlich gezeichnete Flussbarschschwärme ein, während im nahen Uferbereich, im Schatten der Bruchweiden und Schwarzerlen Rotaugen und Rotfedern in kapitalen Größen umherzogen. Sogar Forellen verrieten durch Steigringe ihre Anwesenheit! Ein hervorragender Fischbestand also, für den der Fischereiverband Mittelfranken verantwortlich zeichnete. Schließlich wurde das Gebiet um den See eines Tages touristisch erschlossen, damit zur Naherholung für jedermann freigegeben. Jetzt tummelten sich im Sommer die Badegäste zu Aberhunderten am und im Gewässer. Viele hinterließen leider Abfall, Fäkalien und Sonnenöl, welches gegen Abend solcher Badetage schillernd auf der Wasseroberfläche schwamm. Die Behörden reagierten, stellten Toiletten und Abfallkübel auf. Das Problem mit dem Sonnenöl aber blieb. Es gibt auf der ganzen Welt kein Süßgewässer, das synthetisches Sonnenöl biologisch abbauen kann. Irgendwann sinkt der schlierige Fettfilm ab und legt sich als alles erstickender Schleier über den Gewässergrund! Nun folgte der zweite Streich. Anstatt dem Edelkrebs eine Chance zu geben, dieser hätte trotz allem den Gewässergrund wenigstens teilweise sauber gehalten, das im Herbst einfallende Laub der Gehölze würde nicht in derarten Mengen zu faulendem Schlamm verrotten, beging man einen eklatanten Besatzfehler: Man setzte Aale! Immer mehr Aale, Aale, Aale! Was für ein Schwachsinn! Von Jahr zu Jahr verkam der Grund des Baggersees zu einer Schlammwüste. Die Laichkrautbestände starben ab. Vereinzelte Pflanzensprösslinge schossen immer wieder kurz auf um dennoch nur ein paar Wochen später erneut zu vergehen. Auf den Kiesbänken, den ins Wasser gefallenen Ästen oder Zweigen Schlamm, überall staubfeiner Schlamm. Selbst die Muscheln sind oft mit fetten dunklen bzw. grünem Schlamm behaftet. Man fragt sich unwillkürlich, wovon die Karpfen, Schleien und Zander, es gibt sie immer noch in enormen Stückgewichten, leben? Anscheinend langen diesen die Randbereiche des Baggersees, dort wo sich der Schlamm wegen der Steilufer nicht ablagern kann, als Lebensraum aus? Die Aale aber, die kommen im ganzen See prächtig zurecht. Ich habe noch in keinem von mir untersuchten Gewässer so eine Vielzahl an kapitalen Aalen gefunden. Von kapital spreche ich ab einer Körperlänge  über 1,10 Meter und einem Durchmesser von Unterarmstärke. Auffallend sind die häufigen Blankaale. Natürlich gibt es auch die sogenannten „Schnürsenkel“! Männliche Fische, die sich vor ihren „Gespielinnen“ stets hüten müssen, um nicht deren Beute zu werden. Zwischen Steinhalden, unter Wurzelstöcken, neben Baumstämmen, selbst aus den Altlaubansammlungen ragen gleich büschelweise Aalschwänze hervor. Ihre „Träger“ haben eine Durchschnittskörperlänge von 80 Zentimetern und mehr! Übrigens sind die Baggerseeaale auch am Tag aktiv. Sie entwickelten die Eigenart, selbst bei strahlendem Sonnenschein auf Beutejagd zu gehen. Von den wenigen Tauchern dort, nehmen sie allerdings schon im Abstand von ein paar Metern Reißaus. Meistens jedenfalls!

Es war im August. Genauer gesagt am 28. August. Hochsommer! Königsblauer Himmel, die Luft hatte 32°, das für diese Jahreszeit erstaunlich klare Wasser mit einer Sichttiefe von vielleicht zwei Metern hatte 22° Celsius. Eigenartigerweise behielt der Happurger Baggersee trotz aller Unbilden seine gute Wasserqualität! Das wegen Verlandung nur noch knapp acht Meter tiefe Wasser lag am 28. wie ein wertvoller Smaragd in der Sonne. Ein leichter Wind, welcher trotz der Wärme schon den nahenden Herbst ankündigte, kräuselte hier und da die Wasseroberfläche. Die Unterwasserkamera hatte ich mit einer Festbrennweite auf Makro im Maßstab 1:2 umgebaut, da ich vorhatte, Muscheln zu fotografieren. Es kam aber ganz anders! Um 10:27 Uhr stieg ich beim Nordufer ins Wasser, tauchte über die flachen Uferbänke hinweg, ließ mich schließlich auf 3,8 Meter Tiefe fallen und folgte nun der Abbruchkante, die sich irgendwo in einen milchigem Grün verlor. Zuerst dachte ich ein knüppeldicker Ast wäre durch meinen Flossenschlag verrutscht. Das war aber kein Ast, sondern ein sedimentgepuderter Aalkopf wie ich noch nie einen sah. Finster, fast bedrohlich blickte der Aal mich an. Verstärkt wurde der düstere Eindruck noch durch seine mächtigen, kantig wirkenden Kiefer. Das war kein Fisch mehr, das war ein Monster! Langsam, unendlich langsam ließ ich mich vorsichtig auf den Gewässergrund sinken, brachte die Kamera in Position und betätigte den Auslöser. Den riesigen Blankaal störte das helle Blitzlicht nicht. Zufällig entdeckte ich etwa einen Meter vom Kopf entfernt seine Schwanzspitze. Fehler hin, Fehler her dachte ich, den stupse ich an. Gedacht , getan! Behutsam streichelte ich mit einem Finger über sein Schwanzende. Der Aal reagierte völlig unerwartet. Der haute nicht etwa ab! Nein, der schüttelte den Schlamm von seinem Kopf und reckte diesen Formatfüllend in die Kamera!? Die Szene gipfelte darin, dass sich der Aal von mir den Kopf streicheln ließ. Immer wieder öffnete er dabei sein beachtliches Maul, so dass ich unschwer die Zähne sehen konnte. Daher also der Name „Raubaal“. Es kam an diesem Tag aber noch besser! Weiter vorne waren die Spitzköpfe unterwegs. Im Freiwasser! Ich dachte, es wäre ein schöner Traum. Kaum hatte ich sie im „Kasten“ traf ich erneut auf mehrere mächtige Blankaale, die von der Gestalt und den herben Gesichtszügen her eher an Monster, keinesfalls aber mehr an Fische erinnerten. So was gibt es doch nicht? Doch das gibt es, wenn auch nur alle hundert Jubeljahre einmal. Geträumt habe ich übrigens nicht. Das beweisen viele eindrucksvolle Unterwasseraufnahmen von den Monsteraalen des Happurger Baggersees. Sie sind in meinem Archiv unter „Edition 2001“ abgelegt.

Gunnar Förg